Informationen

bis Oktober 2008


LiebeSympathisantInnen und MitstreiterInnen füreine „Integrierte Gesamtschule” in Wunstorf!


Erstvor Kurzem hat die Anhörung und einen Tag später die Verabschiedung derGesetzesänderungen im NSchG statt gefunden. Der StER Wunstorf hatte seinePetition eingereicht, es gab noch 5 weitere Petitionen anderer, es gabheftigtste Kritik von allen Seiten, doch die Landesregierung musste ihre stumpfeStärke unter Beweis stellen, denn pädagogische Argumente hatte sie keine fürihre Entscheidung. Aber das könnem Sie alle selbst nachlesen, wenn Sie wollen:Die Dokumente stehen als PDF zur Verfügung.

Petitionder StER sowie der Leitfadendurch die Gesetzesänderungen,die zum 1. August in Kraft treten sollen.


NEUIGKEITEN


Nach den Sommerferien brachten wir eine Blitzaktion auf den Weg: Neue Unterschriftensammellisten an alle Elternvertretungen in den Grundschulen und Kindergärten. Hunderte von Unterschriften sind auf diese Weise noch zusammen gekommen.

Insgesamt verfügen wir derzeit über 600 Unterschriften.

Erst heute sind zwanzig neue aus einem Kindergarten hinzu gekommen. Nochmals der Appell: Machen Sie sich ein Bild und beteiligen Sie sich!


 


Hierein paar ältere, allgemeine Infos für Sie:

Waseine Regelschule von einer Integrierten Gesamtschule unterscheidet!

Bündnisfür eine Gesamtschule in Wunstorf!

Dieneue Gesetzesnovelle als PDF KURZund LANGvom 29. April 2008

Bitteauch immer einmal in unseren Veranstaltungsblockschauen!

Selbstdarstellungder Schule und Erfahrungsbericht einer Mutter der IGS-List aus Hannover


BisherigeVeranstaltungen sind ein Infostand in der Fußgängerzone mitabschließendem Kabarettabend gewesen. Jüngst folgte eine Vorführungdes Filmes „Treibhäuser der Zukunft” von Reinhard Kahl mitanschließender Diskussion im Küsters. Zu Gast war Herr Uwe Töpfer, derzu IGS-Fragen Rede und Antwort stehen konnte.

DasBündnis setzt sich zusammen aus Mitgliedern eines Arbeitskreises „BiQu” desStadtelternrates sowie aus Vertretern des Ortsverbandes der GEW in Wunstorf undbesteht seit etwa Juli 2007.

Seitneuestem ist unsere Gruppe um viele InteressentInnen größer geworden.

Innächster Zeit ist eine Info- und Diskussionsveranstaltung geplant, umüber die Vorteile einer integrierten Gesamtschule gegenüber den Regelschulenzu informieren und darzustellen, was dort anders ist.

Dassunser dreiständisches Bildungssystem unsere Kinder aus ideologischen Motivenheraus an die Wand fährt, offenbart uns sehr schön der Panorama-Beitrag,den Sie sich unbedingt einmal anschauen sollten. Die frühe Selektierungbedeutet das Aus für die meisten der Kinder, die nach der Grundschule diese miteiner Hauptschulempfehlung verlassen. Berufsbilder für Hauptschulabsolventenschwinden zusehends. Die Politik hängt mitten drin und will es nichtwahr haben; will nicht wahr haben, dass wir uns mehr und mehr in Richtungeiner Wissensgesellschaft bewegen müssen (Nachteil der Globalisierung, der wirnicht entrinnen können), doch unser Bildungssystem ist weiterhin daraufausgerichtet, Produktionskräfte in Lernfabriken heran zu bilden, anstattKnow-how-Schaffende, schöpferische Menschen in Lernlaboren. Doch nun derLink zum Filmbeitrag vom 6. März 2008: http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2008/t_cid-4582908_mid-4630552_typ-mshigh_loc-int.html


Panorama vom 06. März 2008

"Wir sind der letzte Dreck" - Endstation Hauptschule?

Sendung vom 06.03.2008 21:45 Uhr

Schultafel

Die Fünftklässler der Hauptschule Ganderkesee haben einen ganz besonderen Namen: Schneewittchen und die sieben Zwerge. Es sind nämlich nur acht Schüler, ein Mädchen und sieben Jungs.

Aber was so lieblich klingt, spiegelt die bittere Realität an der Hauptschule wider: Der schlechte Ruf schreckt alle ab - die Schülerzahlen sinken. Wer trotzdem hingeht, muss schon mit elf Jahren lernen, mit vielen Vorurteilen zu leben. So wie Calvin, dem gesagt wurde, er wäre "Abschaum". Oder Björn, der sich gar nicht traut zu erzählen, dass er auf die Hauptschule geht.

Die Lehrer kämpfen auf verlorenem Posten, der Rektor muss zusehen, wie die Schule langsam stirbt. Doch viele Politiker wollen das nicht wahrhaben und halten krampfhaft an der Hauptschule fest. Für Förderprogramme zur Rettung der Hauptschule geben sie Millionen aus - umsonst. Denn der Trend ist nicht mehr aufzuhalten; die Schülerzahlen sinken überall, überproportional.

Panorama über den Alltag in der Hauptschule - und über Hilferufe, die niemand hören will.


Dochnun machen Sie sich selbst ein Bild von den kolossalen Nachteilen, die unseremdreigliedrigen System zugrunde liegen. Dazu ein paar Texte und ein Interview mitVernor Munoz sowie sein Bericht aus 2006, der so viel Aufsehen erregt hat.

IhrArbeitskreis BiQu (Bildungsqualität) des Stadtelternrates für Schulen inWunstorf


GesammeltePRESSEBERICHTE


Frankfurter Rundschau, 21.02.2008
 
Interview
Menschenrechte werden überall verletzt
 
Herr Muñoz, Ihr Bericht über die Verletzung von Menschenrechten in Zusammenhang mit Bildung hat in Deutschland nicht nur Begeisterung ausgelöst. Gibt es eine offizielle Antwort darauf?
 
Nein, ich habe sie auch nicht angefordert. Wenn jemand im Bereich Menschenrechte arbeitet, ist er Angriffen ausgesetzt. Ich habe objektive, transparente Arbeit geleistet. Hätte ich keine kritische Position eingenommen, wäre das einfach, aber nutzlos gewesen.
 
Ist ihr Bericht für Veränderungen genutzt worden?
 
In Deutschland wird Bildung gelebt. Man nimmt das Thema ernst. Es gab Antworten auf die öffentliche Diskussion.
 
Mitunter scheint der Druck so groß zu sein, dass die Politik zu Schnellschüssen tendiert und - wie bei der Verkürzung des Abiturs am Gymnasium - nachbessern muss. Wäre es nicht sinnvoller, innezuhalten und dann Reformen einzuleiten, die auch zu Ende gedacht sind?
 
Natürlich müssen Lehrpläne sinnvoll ausgearbeitet sein, bevor sie umgesetzt werden können. Sie sollten aber auch nicht nur akademischer Natur sein. Bildungssysteme, die das Spielen, die Kreativität, Zuwendung und Bildung für den Alltag nicht berücksichtigen, sind defizitär.
 
Sie haben die Diskriminierung in Deutschland angeprangert. Was empfehlen Sie?
 
Ich habe Deutschland nie unterstellt, absichtlich zu diskriminieren. Aber es gibt Herausforderungen. Die frühe Selektion und die Segregation sind solche. Aber: Bund und Länder sind sich der Situation bewusst und sitzen nicht nur mit gekreuzten Armen da.
 
Ein Plädoyer für längeres gemeinsames Lernen?
 
Das ist ein heikles und kontroverses Thema. Ich habe vorgeschlagen, die Politik des frühen Selektierens zu überdenken. Sie bedeutet, die Entwicklung von Kindern sehr früh festzulegen. Problematisch ist das auch, weil Lehrer häufig nicht über die Qualifikation verfügen, zu entscheiden, an welche Schule ein Kind wechseln soll.
 
Mit der Abkehr vom gegliederten Schulsystem tut sich Deutschland aber schwer …
 
Es muss zur Kenntnis genommen werden, dass in Deutschland der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg so groß wie in keinem anderen europäischen Land ist. In Gymnasien sind Kinder mit Migrationshintergrund völlig unter-, in der Hauptschule überrepräsentiert. Interessant wäre eine Untersuchung der Folgen der Schulstruktur. Vergessen dürfen wir auch nicht die Kinder mit Behinderung. Auch sie sind in den Regelschulen viel zu wenig integriert.
 
Wie könnten die Menschenrechte im bestehenden System stärker geachtet werden?
 
Man könnte für Kinder mit Behinderung architektonische Barrieren abbauen. Das erfordert eine Veränderung des Bewusstseins.
 
Sie fordern eine andere Einstellung zum Kind?
 
Die Einstellung zum Kind ist nicht nur ein Problem der Dritten Welt. Die Schaffung einer Gesellschaft, in der das Bemühen, sich um die Bedürfnisse der Kinder zu kümmern, als Wert zählt, ist nirgendwo eine abgeschlossene Aufgabe.
 
Wenn man die Situation in Deutschland mit der etwa in China, Uganda oder der Türkei vergleicht, sind Menschenrechtsverletzungen hierzulande dann wirklich ein Thema?
 
Es gibt kein Land ohne Menschenrechtsverletzungen. Der Unterschied liegt nur in der Intensität und der Frage, wie und wo sie vorkommen.
 
Das Ansehen der Lehrer hat in Deutschland gelitten. Sind die Pädagogen Opfer oder Täter?
 
Sie sind beides. Einerseits könnten sie von sich aus stärker integrativ arbeiten. Aber es stimmt auch, dass sie in vielen Fällen ungerecht behandelt werden. Sie sollen vielschichtige Probleme lösen, verfügen aber nicht über die entsprechenden Mittel. Lehrer können nicht die Aufgaben der Politik übernehmen. Wenn diese nicht handelt und nicht eine stärkere Integration von Migranten und von Kindern mit Behinderung fördert, können Lehrer das auch nicht.
 
Sollte der Bund mehr Mitsprache in der Bildung haben?
 
Vielleicht könnte er direkter handeln und so Gefälle ausgleichen. Aber der Föderalismus hat auch Vorteile. Bildung wird nicht nur von oben beschlossen, sondern es werden Antworten auf Probleme vor Ort gesucht. Sinnvoll ist aber eine große, klare Linie.
 
Was passiert, wenn sich in Deutschland in punkto Menschenrechte nichts tut?
 
Man geht davon aus, dass mein Bericht in den Ländern genutzt wird. Ich bin kein Polizist oder Richter.
 
Interview: Stephan Lüke
 

Zur Person
Vernor Muñoz schockte vor zwei Jahren die Bildungspolitik. Der UN-Sonderbericht-erstatter, der weltweit die Umsetzung des Menschenrechtes auf Bildung überprüft, tat dies auch in Deutschland. Muñoz kritisierte nach einem Besuch vor Ort das dreigliedrige Schulsystem, das vor allem Kinder aus sozial schwachen und zugewanderten Familien benachteiligt. 2007 legte er den Vereinten Nationen seinen Deutschlandbericht vor. Derzeit ist er wieder zu Gast. Nach der Didacta besucht er heute den Kongress "Arbeitsplatz Bildung" in Essen.

Deutsches Schulsystem: "Extrem selektiv"

Thorsten Stegemann 01.03.2007

UN-Berichterstatter Vernor Muñoz übt harsche Kritik am deutschenSchulsystem, doch die meisten Bildungspolitiker und Pädagogen fühlen sichnicht angesprochen

Vor gut einem Jahr war der UN-Sonderberichterstatter für das Recht aufBildung, Vernor Muñoz, zu Gast in Deutschland, um sich einen Überblick überdie Bildungslandschaft unter besonderer Berücksichtigung des hiesigenSchulsystems zu verschaffen. Sein offizieller Staatenbericht für dieGeneralversammlung der Vereinten Nationen wird auf der vierten Sitzung desUN-Menschenrechtsrats am 21. März 2007 vorgestellt und liegt momentan derdeutschen Bundesregierung zur Beobachtung und Kommentierung vor.

Doch nicht nur dieser, denn MuñozŽ Erkenntnisse ließen sichebenso wenig geheim halten wie sein viel diskutierter Besuch im Februar 2006 undgelangten nicht nur in die Chefetagen der Politik, sondern auch zur DeutschenPresse-Agentur, die sich nicht lange bitten ließ, die Öffentlichkeit mit den wesentlichenPunkten (1) bekannt zu machen.

Demnach fordert Vernor Muñoz Deutschland eindringlich auf,das mehrgliedrige Schulsystem noch einmal zu überdenken und die föderalismusbedingtenUnterschiede in Organisation und Durchführung abzuschaffen. Die früheAufteilung von durchschnittlich zehnjährigen Kindern auf verschiedeneSchulformen sei "extrem selektiv", im internationalen Vergleich"untypisch" und ansonsten überhaupt nur noch in Österreich üblich.Schüler könnten so "nicht angemessen beurteilt werden" und würdenvor allem dann entscheidend benachteiligt, wenn sie aus finanziell schwächergestellten Familien kommen, einen Migrationshintergrund aufweisen oder behindertsind. Muñoz bezweifelt überdies, dass die Pädagogen, welche dieAuswahlverfahren verantworten müssen, "immer ausreichend geschult"wurden.

Darüber hinaus bemängelt der UN-Sonderberichterstatter dieauch von vielen anderen Beobachtern häufig kritisierte Abhängigkeit zwischendem Bildungserfolg auf der einen und der sozialen Herkunft auf der anderenSeite. Sie sei in keinem anderen Industrieland so stark ausgeprägt und führeletztlich zu einer niedrigen Abiturientenquote, einer hohen Zahl vonSchulabbrechern und der Chancenlosigkeit von Geringqualifizierten auf demArbeitsmarkt.

Das in der UN-Menschenrechtscharta verankerte "Recht aufBildung" ist nach MuñozŽ Einschätzung vor allem für Kinder vonAsylsuchenden oder illegal in Deutschland lebenden Menschen vielfachbedeutungslos. Bundesländer wie Baden-Württemberg, Hessen und das Saarland hättenin dieser Hinsicht besonderen Nachholbedarf.

Konstruktive Vorschläge und allerleiMissverständnisse

Der Juraprofessor aus Costa Rica belässt es allerdings nichtbei der ernüchternden Bestandsaufnahme. Nach Informationen der GewerkschaftErziehung und Wissenschaft ( GEW(2)) hat Muñoz sieben zentrale Reformideen vorgeschlagen(3). Dazu gehören die massive Unterstützung individueller Leistungspotenzialeund spezifischer Lernfähigkeiten, mehr Schulautonomie und eine Qualitätsinitiativeim Bereich Bildungsinhalte und Methoden, die durch eine systematischeSprachausbildung von Migranten, die Verbesserung der Lesefähigkeiten und denEinsatz neuer Medien erreicht werden soll. Außerdem setzt Vernor Muñoz aufeine Stärkung der demokratischen Schulkultur, grundlegende Strukturreformen -wie die Ausweitung der Kindergarten- und Ganztagsangebote oder den Verzicht aufdas gegliederte Schulsystem -, eine Neuorganisation der Lehrerausbildung, dieinsbesondere die pädagogischen Aspekte vertiefen soll, und mehr Investitionen fürfrühkindliche Bildungsprogramme.

Der Staatenbericht hat über die Situation an Schulen hinausBedeutung für die aktuelle Bildungsdiskussion, denn es geht letztlich um dieFrage, ob Deutschland seinen internationalen Verpflichtungen in diesem Bereichgerecht wird. Muñoz ist davon überzeugt, dass die deutschen Regierungen bisdato aus gutem Grund nur selten öffentlich über die zwischenstaatlichenVereinbarungen und die eingegangenen Verpflichtungen diskutieren wollten.Offenbar sei man der Ansicht, alle Menschenrechte bereits "vorbildlichverwirklicht" zu haben.

Das Prinzip der Einheit in der Vielfalt impliziert nicht nur die Annahme internationaler Vereinbarungen, sondern auch eine intensive Reflexion und Aktion im Innern, um einem immer komplexeren interkulturellen Panorama gerecht werden zu können.
Vernor Muñoz

Tatsächlich würde allein der InternationalePakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (4) auchDeutschland verpflichten, den Hochschulunterricht "auf jede geeigneteWeise, insbesondere durch allmähliche Einführung der Unentgeltlichkeit,allgemein verfügbar und jedermann zugänglich" zu machen. Wenig Raum alsofür die Einführung von Studiengebühren, denn ein Vertragsstaat istverpflichtet, die Verwirklichung des Rechtes auf Bildung "bis an die Grenzeseiner vorhandenen Ressourcen sicherzustellen". Muñoz sieht keinenAnhaltspunkt dafür, dass diese Grenze hierzulande erreicht ist.

In eben diesem Sinne eröffnete(5) Wassilios E. Fthenakis am Dienstag dieser Woche Europas größteBildungsmesse in Köln, die didacta2007 (6).

Deutschland investiert mit 0,42 Prozent desBruttoinlandsprodukts nicht einmal die Hälfte dessen, was die OECD für denvorschulischen Bereich empfiehlt. Wenn die Bundesrepublik sogar die Qualitätdes vorschulischen und schulischen Systems erreichen möchte, die in denskandinavischen Ländern geboten wird, müssen wir mehr als vier Mal so viel wiebis jetzt in den Elementar- und Primarbereich investieren.

Dabei kann das häufig vorgebrachte Argument der leeren Kassen bei näherer Betrachtung schon heute nicht gelten: Europäische Länder mit geringerer Finanzkraft als Deutschland haben diese Standards bereits längst erreicht. Und ich erinnere Sie alle daran, dass wir selbst in Zeiten, in denen unsere Kassen voll waren, für die Kinder wenig getan haben. Nicht das grundsätzlich fehlende Geld hindert uns also, in Bildung zu investieren, sondern letztlich die fehlende Einsicht, dass Bildung die beste Investition in die Zukunft eines Landes und damit Investition in Bildung bei wohl verstandener Auslegung auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung ist.
Wassilios E. Fthenakis

In Berlin sieht man das erwartungsgemäß anders. DieBundesregierung konzediert zwar die ohnehin nicht mehr zu leugnende Abhängigkeitvon Bildung und Herkunft, findet aber ansonsten, dass Deutschland gerade"dank seines leistungsfähigen Bildungssystems zu einer der stärkstenWirtschaftsnationen und stabilsten Demokratien der Welt" werden konnte. DieKultusministerkonferenz (7) machtes sich noch einfacher. Ein Großteil der geäußerten Kritik beruhe"offensichtlich auf Missverständnissen". Und der Vorsitzende des DeutschenPhilologenverbandes (8), Heinz-Peter Meidinger, hatte ohnehin schon imletzten Jahr den Eindruck, "dass hier jemand gekommen ist, der sich nichtoffen informieren wollte, sondern seine vorgefassten Ansichten bereitsmitbrachte." Schließlich habe sich Vernor Muñoz "offen als glühenderGesamtschulanhänger geoutet!"

Worthülsen gegen kritische Nachfragen

Ähnlich einsilbig hatten Politiker und Pädagogen bereits voreinem Jahr auf MuñozŽ Besuch und die anschließende kontroverse Debattereagiert. Die Antworten(9) der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage mehrerer Abgeordneter im März2006 sind insofern paradigmatisch und bis heute wohl unverändert gültig.Seinerzeit erklärte die Große Koalition auf die Frage, inwieweit sie das Rechtauf Bildung in der Bundesrepublik Deutschland für gewährleistet halte:

Das "Recht auf Bildung" im Sinne eines Teilhaberechts auf allgemeine und gleiche Bildungschancen in öffentlichen Bildungseinrichtungen ist im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verfassungsrechtlich abgesichert. Es ergibt sich aus dem einschlägigen Freiheitsrecht (Artikel 12 Abs. 1, Artikel 2 Abs. 1 GG) in Verbindung mit dem Gleichheitssatz (Artikel 3 GG).

Will die Regierung denn möglicherweise Konsequenzen aus der Kritik am gegliederten Schulsystem für die weitere Zusammenarbeit mit den Ländern ziehen?

Die Länder sind nach der gegenwärtigen verfassungsrechtlichen Zuständigkeitsverteilung für das Schulwesen zuständig. Dies gilt auch nach der geplanten Föderalismusreform. Im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten werden Bund und Länder auch weiterhin ihren Beitrag leisten, um das deutsche Bildungssystem zu stärken.

Und wie steht die Bundesregierung zu der These, dass ein gegliedertes Schulsystem mitverantwortlich für die soziale Selektivität des deutschen Bildungssystem ist?

Die Verantwortung für eine bestmögliche Ausgestaltung der Schulsysteme unter Berücksichtigung einer größtmöglichen individuellen Förderung liegt aufgrund der verfassungsmäßigen Kompetenzverteilung ausschließlich bei den Ländern. Zahlreiche Bewertungen der Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems im internationalen und nationalen Vergleich (TIMSS, PISA, IGLU, PISA-E, IGLU-E) zeigen, dass die Frage optimaler Bildungschancen für alle in komplexen Zusammenhängen steht. Nach Einschätzung der Bundesregierung lässt sich jedenfalls feststellen: Nur ein leistungsfähiges Bildungssystem kann ein gerechtes Bildungssystem sein.

Grundrecht auf Bildung

Nach dem nun vorliegenden Report desUN-Sonderberichterstatters hat die stellvertretende GEW-Vorsitzende MarianneDemmer die Bundesregierung noch einmal nachdrücklich darauf hingewiesen,"dass die ständige Wiederholung konservativer Mythen undRechtfertigungsrhetorik für ein nachweislich hoch selektives Bildungssysteminternational keinen Eindruck macht, sondern Kopfschütteln und Befremdenhervorruft."

Deutschland brauche für die Zukunft ein "inklusives,integratives Schulsystem" und als Basis eine tiefgreifende Strukturreform.Außerdem müsse das Recht auf Bildung ins Grundgesetz und in die Länderverfassungenaufgenommen und das UN-Abkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungenendlich ratifiziert werden. Schließlich erwartet Demmer, dass dieUN-Kinderrechtskonvention vollinhaltlich umgesetzt und damit auch Flüchtlingenund statuslosen Kindern ein Recht auf Bildung garantiert wird.

Der Streit um den richtigen Weg in der nationalenBildungspolitik geht hier einmal mehr in die Frage über, wie ernst es dieBundesrepublik mit ihren Verpflichtungen im Bereich der Menschenrechte nimmt undinwiefern sie bereit ist, den Anspruch auf eine optimale frühkindlicheBetreuung, Schul-, Berufs- oder Hochschulausbildung überhaupt als Menschenrechtzu akzeptieren.

Die Sozialwissenschaftlerin Mona Motakef hat sich schon imvergangenen Frühjahr darum bemüht, die Diskussion über die immer gleichenVorwürfe und Beratungsresistenzen hinauszubringen und einen menschenrechtlichenAnsatz in die bildungspolitische Debatte einzuführen, die gleichzeitig einesozial- und gesellschaftspolitische sein muss. Ihrer Studie DasMenschenrecht auf Bildung und der Schutz vor Diskriminierung. Exklusionsrisikenund Inklusionschancen (10) wurde freilich noch viel weniger Aufmerksamkeitzuteil als den Ausführungen von Vernor Muñoz.

Insgesamt zeigt ein menschenrechtlicher Ansatz in derReflexion aktueller Problemlagen im Bildungssystem, dass sich die Schule stärkerals bisher an der Vielfalt der Bedürfnisse und Lernausgangslagen von Kindernund Jugendlichen orientieren muss, wenn sie im vollen SinneDiskriminierungsfreiheit gewährleisten will. Strategien, die auf sozialeInklusion setzen, bedeuten nicht nur einen Gewinn für Kinder und Jugendliche,die Diskriminierungen erfahren und denen durch inklusive Maßnahmen in derBildung Möglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation eröffnet werden müssen.

Diskriminierungsfreiheit und inklusive Strategien in der Bildung bereichern alle Menschen, da sie nicht auf eine Normalitätserwartung ausgerichtet sind, sondern die Vielfalt an Lebenslagen und Lebensentwürfen respektieren. Bildung fungiert dann als Menschenrechtsbildung, wenn sie Kindern und Jugendlichen durch ihren Inhalt und ihre Form vermitteln kann, was es bedeutet, wenn Menschen nicht mehr ausgegrenzt werden und Stereotype an Gewicht verlieren: weil es in der Bildung wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen normal sein sollte, verschieden zu sein.
Mona Motakef

UN-Beauftragter Muñoz rügt deutsches Bildungssystem

21. Februar 2006 Der UN-Sonderberichterstatter für Bildung, Muñoz, hat den deutschen Bildungsföderalismus und die Praxis des dreigliedrigen Schulsystems kritisiert. Er empfahl der Bundesregierung und den Bundesländern, die „Trennung“ in die verschiedenen Schullaufbahnen später vorzunehmen und einen „Dialog“ über die Struktur des Bildungswesens zu führen. Die vorschulische Bildung empfahl er kostenlos zu stellen.

Der Sonderberichterstatter wird von der UN-Menschenrechtskommission ernannt; er soll die Verwirklichung des Rechts auf Bildung untersuchen. Vernor Muñoz Villalobos, Zivilrechtsprofessor an der Universität von Costa Rica, stellte am Dienstag in Berlin seine vorläufigen Ergebnisse einer zehntägigen Reise nach Deutschland vor. Er besuchte dabei Schulen und Vorschulen in allen Teilen Deutschlands. (Siehe auch: Der Revisor: Vernor Muñoz Villalobos)

Kritik am dreigliedrigen Schulsystem

Muñoz äußerte, er habe eines der Ergebnisse der Pisa-Studie bestätigt gefunden, nämlich daß es eine „ganz klare Verknüpfung“ von sozialer Herkunft und Bildungserfolgen gebe. Zweitens gebe es „schon sehr früh“ eine Trennung in die verschiedenen Schulzweige, meist wenn die Schüler 10 Jahre alt seien. So würden nicht alle einbezogen, sondern Trennungen geschaffen, sagte Muñoz. Das volle Potential vieler Kinder werde nicht ausgeschöpft.

Die Resultate der Schüler würden „durch das System aufgezwungen, und nicht durch das Potential des Kindes“. Die frühe „Aussortierung“ habe Konsequenzen für diejenigen, die ohnehin Probleme hätten, also Migranten, aber auch andere sozial Schwache. Diese Gruppen seien in Hauptschulen über-, und in Gymnasien unterrepräsentiert. Muñoz bekundete Verständnis dafür, daß das Gymnasium in Deutschland eine lange Tradition habe, die „in der Vergangenheit gute Resultate“ hervorgebracht habe. Doch gab er zu erkennen, daß er das deutsche Schulsystem für erneuerungsbedürftig halte.

Kritik an wachsender Länderkompetenz

Auch dem Föderalismus billigte Muñoz eine „historische Tradition“ zu. Doch gebe es die Tendenz, daß die Länder immer mehr Kompetenzen erhielten, so daß der Bund immer weinger Möglichkeiten habe, für Einheitlichkeit zu sorgen, sagte Muñoz offenbar in Anspielung auf die Koalitionsbeschlüsse zur Föderalismusreform.

Einige Länder gäben 3.800 Euro pro Jahr für jeden Schüler aus, andere 6.300, das führe zu Unterschieden. Einige Länder hätten ein zweigliedriges, andere ein drei- oder viergliedriges Schulsystem, auch das habe ungünstige Auswirkungen auf Vergleichbarkeit und Mobilität.

Kein „Sheriff“ oder „Inspektor“

Muñoz forderte Deutschland dazu auf, Vorbehalte gegen die UN-Kinderrechtskonvention fallenzulassen. Außerdem wollte er beobachtet haben, daß die Infrastruktur für Behinderte an deutschen Schulen unzulänglich sei. In der Lehrerausbildung komme die Pädagogik gegenüber der Fachausbildung zu kurz. Er empfahl, „Menschenrechtserziehung“ sowohl in das Schulprogramm als auch in die Lehrerausbildung einzubeziehen.

Muñoz lobte den „herzlichen Empfang“ und die gute Zusammenarbeit mit Bundesregierung und Landesregierungen. Er sei nicht als „Sheriff“ oder „Inspektor“ gekommen. In seinem Mandat sei ein „Gleichgewicht“ festgeschrieben, wonach er Länder aus allen Regionen besuchen solle; er habe Deutschland ausgewählt, weil es sich in einem interessanten Reformprozeß befinde.

Böger erwartet „Eruptionen“

Der Berliner Schulsenator Böger (SPD) sagte voraus, daß Muñoz' Bemerkungen zur Strukturdebatte „Eruptionen“ zur Folge haben würden. Die Forderung nach kostenlosen Kindertagesstätten sei „eine sehr schöne und gute Anregung“. Die KMK werde sich dafür einsetzen, die Kinderrechtskonvention „umzusetzen“.

Die Grünen-Bildungspolitikerinnen Sager und Hinz befanden, was Munoz an „Ungerechtigkeit, ungenutzten Potenzialen und vertanen Chancen“ aufgezeigt habe, zeige, daß seine Empfehlungen in die Tat umgesetzt werden müßten. Die FDP-Abgeordneten Barth und Pieper pflichteten Munoz bei, es sei „unerträglich, daß die Chancen für Kinder und junge Menschen in Deutschland so ungleich verteilt sind“.

Schavan setzt auf „Baukastenprinzip“

Bundesbildungsministerin Schavan (CDU) verteidigte hingegen die Länderkompetenzen für Bildungsfragen, sie seien kein Hindernis für Mobilität. Außerdem wies Schavan darauf hin, daß das Thema der beruflichen Bildung bei Muñoz' Besuch zu kurz gekommen sei. Ihr komme aber eine besondere Bedeutung für die Integration zu. Der Mahnung, nicht zu früh zu „selektieren“ setzte sie das „Baukastenprinzip“ entgegen: Keine Entscheidung für einen Schulzweig dürfe schon die Entscheidung für einen Schulabschluß sein.

Nach der Sekundarstufe I müsse die Möglichkeit bestehen, die Sekundarstufe II abzuschließen, dann müsse auch eine Durchlässigkeit für den Tertiären Bereich bestehen. Sie widersprach sie der Einschätzung Muñoz' über den Föderalismus: sie sehe darin kein Hindernis für Mobilität und Vergleichbarkeit.

Die KMK teilte unterdessen mit, im Jahr 2004 hätten 12,4 Millionen Schüler allgemein bildende und berufliche Schulen besucht, knapp 68000 oder 0,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Damit setze sich der seit 1999 zu beobachtende Rückgang bei den Schülerzahlen fort.


Und hier nun der Bericht als PDF zum Download!


Hier einige Thesen des Baden-Württembergischen Handwerktages(Fehleinschätzungen): ...undzum Download als PDF

Erste Fehleinschätzung:

Die Hauptschule ist gut für „praktisch Begabte“ und

bereitet gut auf eine Ausbildung im Handwerk vor.

Zweite Fehleinschätzung:

Das gegliederte Schulsystem sortiert leistungsgerecht.

Dritte Fehleinschätzung:

Das gegliederte Schulsystem bietet je nach Begabung optimale

Förderung.

Vierte Fehleinschätzung:

Leistungsstarke Schüler werden bei einer längeren gemeinsamen

Schulzeit gebremst und unterfordert.

Fünfte Fehleinschätzung:

Das berufliche Bildungswesen ist in der Lage, die Defizite des

gegliederten Schulsystems auszugleichen.

Sechste Fehleinschätzung:

Eine wohnortnahe Beschulung ist in einem integriertenSchulsystem

schwieriger zu organisieren als in einem gegliedertenSchulsystem.

Siebte Fehleinschätzung:

Integrierte Schulen gibt es bereits in Deutschland und bringendeutlich

schlechtere Leistungen als Schulen des gegliedertenSchulsystems.

Achte Fehleinschätzung:

Die Wähler halten am gegliederten Schulsystem fest und lehneneine

Schule für alle ab.

www.handwerk-bw.de

Stuttgart, Oktober 2007


Deutschlandfunk, dradio.de, 02.01.2008
Campus & Karriere
 
Bildung nur noch für die oberen zehn Prozent?
Soziologe: "Es besteht relativ viel Anlass, pessimistisch zu sein"
 
Moderation: Kate Maleike / Der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann hat vor einer Zementierung der sozialen Spaltung im Bildungswesen gewarnt. Die meisten bildungspolitischen Veränderungen wie Eliteförderung oder das verkürzte Abitur würden die ohnehin mangelhafte Chancengleichheit in Deutschland noch weiter abbauen.
 
Kate Maleike: Der Bildungsstandort Deutschland insgesamt gesehen hat ja in den vergangenen Jahren einige Erdbeben erlebt, diverse PISA-Studien und OECD-Berichte haben vor allem den Alltag an den Schulen mächtig verändert. Eines allerdings ist geblieben: Noch immer hängt der Bildungserfolg in Deutschland vom Elternhaus ab. Kinder aus bildungsfernen Schichten haben es nach wie vor schwer. Akademikerkinder finden sich dagegen häufiger in den Chefetagen wieder. Michael Hartmann ist Professor für Soziologie an der TU in Darmstadt, und er ist Deutschlands bekanntester Eliteforscher. Schönen guten Tag, Herr Hartmann!
 
Michael Hartmann: Guten Tag!
 
Maleike: Wie beurteilen Sie denn die Lage im Moment? Hat sich dieser Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg bei uns in Deutschland quasi einbetoniert?
 
Hartmann: Der hat sich einbetoniert. Und wenn man sich die Veränderungen anguckt, die im Augenblick stattfinden, so tragen die meisten Veränderungen dazu bei, dass das eher schlechter statt besser wird. Also wenn man sich zum Beispiel dieses verkürzte Abitur anguckt, also das G8-Abitur, das erschwert den Übergang von der Realschule auf das Gymnasium ganz ungemein. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, die einmal getroffene Entscheidung nach der vierten Schulklasse noch revidieren zu können, sinkt. Das Zweite, wenn Sie sich die Hochschulen angucken, die Trennung in die Eliteuniversitäten und den Rest, das geht in eine ähnliche Richtung. Das heißt, die Verbindung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg oder hohen Bildungsabschlüssen wird, wenn das so weitergeht, in den nächsten Jahren eher stärker als schwächer werden.
 
Maleike: Aber eigentlich hat die Politik doch gesagt, sie will das verändern. Exzellenzinitiative, das ist ja das, was die Elitehochschulen ja schlussendlich auch ausmacht, wurde von der Politik gesteuert. Heißt das im Umkehrschluss, die Politik will eigentlich gar nicht die Chancengleichheit?
 
Hartmann: Ich glaube, dass in der Politik die Chancengleichheit mehr rhetorisch immer wieder in den Vordergrund gestellt wird. Wenn Sie sich angucken die auch mediale Aufmerksamkeit, die zum einen die Exzellenzinitiative bekommen hat, zum anderen die Tatsache, dass in den nächsten Jahren auf die Universitäten eine Menge an Studierenden zukommen wird, für die keine Studienplätze zur Verfügung stehen, der sogenannte Hochschulpakt, die Diskussion darum, das Zweite ist, was untergegangen ist, scheint niemanden zu interessieren, was mit der Masse der Studierenden passiert, oder jedenfalls nur in geringem Maße zu interessieren. Es konzentriert sich das Interesse sehr stark auf Elite, auf Exzellenz und Ähnliches.
 
Und im schulischen Bereich: Es wird nach PISA immer beklagt, dass der Zusammenhang hier so stark ist, aber die Gründe, warum der so stark ist, werden nicht wirklich ernsthaft in Richtung auf praktische Veränderungen diskutiert. Da müsste man natürlich Strukturfragen aufwerfen, das heißt die berühmte Dreigliedrigkeit des deutschen Schulsystems, oder wenn man, wie jetzt in vielen Ländern ja angedacht, Haupt- und Realschulen zusammennimmt, wird man eine Zweieinhalbgliedrigkeit haben. Denn was völlig vergessen wird, es wird ein neuer Typus mit der Sonderschule eine viel stärkere Rolle spielen als bisher. Das heißt, wir werden ein System haben, was vor allem das Gymnasium rettet. Und solange das Gymnasium die Sonderstellung hat, wird dieser Zusammenhang nicht ernsthaft infrage gestellt, weil Akademikerkinder selbstverständlich aufs Gymnasium und dann auf die Uni gehen. Und alle anderen kleinen Änderungen, die Abschaffung von Orientierungsstufen, egal, was wir nehmen, es gibt kaum Änderungen, die in die richtige Richtung weisen.
 
Maleike: Das klingt fast wie eine Bankrotterklärung?
 
Hartmann: Ja, das ist auch großenteils eine Bankrotterklärung. Es gibt wenige Sachen, also diese halbherzigen Ansätze zu Ganztagsschulen, Ganztagsschulen wäre eine ganz wichtige Neuerung, wenn man die einführen würde. Es gibt in der vorschulischen Erziehung der Kinder einige vernünftige Ansätze, aber eben alles sehr halbherzig. Also wenn man bis 2013 jedes dritte Kind damit erfassen will, so ist das einfach viel zu wenig. Man müsste sehr viel schnellere und umfassendere Schritte in dieser Richtung ergreifen. Und wenn man sich die Situation der Migrantenkinder anguckt, das sind ja alles Probleme, die seit Langem bekannt sind und wo man seit Langem irgendwas hätte unternehmen können. Man unternimmt aber nichts.
 
Maleike: SPD-Chef Beck hat ja nun gerade erst wieder vor ein paar Tagen angekündigt, das Thema Chancengleichheit zum zentralen Thema für 2008, also für dieses Jahr zu machen. Er sagte wortwörtlich, die SPD werde es nicht zulassen, dass in Deutschland immer neue Bildungshürden aufgebaut werden, und sprach in diesem Zusammenhang sich auch noch mal gegen Studiengebühren in Deutschland aus. Ähnlich hat sich auch der Unionsfraktionsvorsitzende Kauder geäußert. Er hat sich natürlich in der Studiengebührenfrage anders geäußert, will aber trotzdem eine gemeinsame Bildungsoffensive von Bund und Ländern sehen. Sind das alles dann weiterhin Sonntagsreden?
 
Hartmann: Es sind weitgehend Sonntagsreden und Lippenbekenntnisse. Wenn Sie sich die SPD-Position zu den Studiengebühren angucken, die SPD ist immer dann gegen Studiengebühren, wenn sie nicht in der Regierungsverantwortung ist. Da, wo sie in der Regierungsverantwortung ist, ist sie vielfach auch für Studiengebühren. Die ganze Diskussion ist sehr stark angestoßen worden damals noch von Niedersachsen, Minister Oppermann, damals noch rot-grüne Regierungskoalition. Und Ähnliches gilt für all diese Bekenntnisse zu Chancengleichheit und Ähnlichem. Es wird nicht ernsthaft was unternommen. Wenn Sie sich Rheinland-Pfalz angucken, eine reine SPD-Regierung, da wird genau dieses zweigliedrige Schulsystem installiert, was das Gymnasium auf wahrscheinlich unabsehbare Zeit weiter einbetonieren wird. Und für mich sieht das immer so aus, man hat öffentliche Bekenntnisse zu allem und jedem, man muss für die Migranten was tun, für die Armen usw. usf., aber wenn es dann um die praktischen Schritte geht, dann ist Ende der Fahnenstange. Das heißt, dann bleibt man im Grunde auf dem bewährten Kurs.
 
Maleike: Herr Hartmann, wir haben jetzt in dieser Sendung viel zurückgeschaut. Gucken wir doch mal nach vorne. Wenn sich dieser Zustand so einbetoniert, wie es jetzt scheint, wie sieht dann der Bildungsstandort, jetzt müssen wir mal weiterrechnen, wir haben jetzt 2008, also 2018 aus?
 
Hartmann: Wir werden 2018 ein neues dreigliedriges Schulsystem haben. Ich habe das eben schon angesprochen, die dritte Stufe wird dann die Sonderschule sein. Denn wenn Haupt- und Realschule zusammengefasst werden, wird bei der deutschen Mentalität der Teil der Schüler, der für diese gemeinsame Haupt-Realschule nicht geeignet zu sein scheint, dann auf die Sonderschule abgeschoben. Das wird zum Beispiel einen nicht unerheblichen Teil der Migrantenkinder treffen. Das Gymnasium wird so bleiben wie bisher. Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und dem Zugang zum Gymnasium wie vor allem im Zugang zum Studium wird sich auch nicht maßgeblich verändern. Wir werden innerhalb der Universitätslandschaft eine deutliche Spaltung haben zwischen den Elite- und einigen Forschungsuniversitäten und dem großen Rest. Auch da wird es eine soziale Spaltung geben. Das sieht man in allen Ländern, wo es solche Eliteuniversitäten gibt. Die Eliteuniversitäten werden vorwiegend von Kindern aus den oberen zehn Prozent der Bevölkerung besucht. Das heißt, es besteht wenig Anlass, wenn das so weiterläuft wie bisher, zu irgendeinem Optimismus. Es besteht relativ viel Anlass dafür, pessimistisch zu sein. Das Einzige, was passieren kann, ist, dass die öffentliche Diskussion an Schärfe zunimmt - ich hoffe das immer noch -, und dass von daher der Druck auf die Politik wächst, vielleicht doch mal über einige Dinge ernsthaft nachzudenken. Aber das ist mehr eine Hoffnung.
 
Maleike: In wenigen Tagen, das bitte noch ganz kurz zum Schluss, wird die saarländische Bildungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer turnusgemäß Präsidentin der Kultusministerkonferenz werden. Was würden Sie ihr als wichtigste Aufgabe mit auf den Weg geben für dieses Amt?
 
Hartmann: Die wichtigste Aufgabe ist ganz klar, die Dreigliedrigkeit des Schulsystems ernsthaft zu überdenken. Man kann zwar nicht behaupten, dass, wenn die Strukturen verändert werden, dass alle Probleme damit weg sind, das hängt natürlich auch mit dem Unterricht zusammen, mit der Lehrerausbildung. Aber man kann umgekehrt sagen, wenn sich an der Dreigliedrigkeit oder der Zweigliedrigkeit, wie auch immer man das dann nennen will, nichts Grundlegendes ändert, werden alle anderen Reformen an dem Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg nichts ändern.

Die Welt, 02.10.2006
Hamburg
 
Interview
"Die wichtigste Schulreform seit 1945"
Der Bildungsforscher Reiner Lehberger hält die Gemeinschaftsschule für sinnvoll - aber derzeit für nicht durchsetzbar
 
Bildungspolitiker aller Parteien diskutieren derzeit über eine neue Schulstruktur. Die Grünen und der linke Flügel der SPD wollen eine Schule für alle und damit die Abschaffung des Gymnasiums. Der rechte Flügel der SPD und die CDU favorisieren das sogenannte Zweisäulenmodell: eine Schule für alle und dazu die Gymnasien. Beide Schulformen führen zum Abitur. Insa Gall und Oliver Schirg sprachen mit dem Bildungsforscher Professor Reiner Lehberger.
 
DIE WELT: Ausgangspunkt ist die Forderung nach der Abschaffung der Hauptschule. Warum ist diese Schulform nicht mehr tragbar?
 
Reiner Lehberger: Nicht einmal zehn Prozent der Hamburger Schüler besuchen heute die Hauptschule. Aus Studien wissen wir, dass in dieser Gruppe trotz größter Anstrengungen kein lernförderliches Klima geschaffen werden kann. Deshalb ist sich die Wissenschaft einig, dass diese Form der Hauptschule, wie sie in Großstädten existiert, aufgelöst werden muss. Sie ist ein auslaufendes Modell.
 
WELT: Wie sieht aus Ihrer Sicht eine optimale Schulstruktur aus?
 
Lehberger: Die skandinavischen Länder haben uns vorgemacht, dass eine Schule für alle sehr gute Lernergebnisse erzielt und zugleich die Abhängigkeit der schulischen Karriere vom sozialen Hintergrund mindern kann. Doch ich sage auch ganz deutlich: Eine Schulstruktur kann man nicht gegen die Mehrheit der Eltern verändern. Deshalb ist eine Schule für alle derzeit nicht durchsetzbar.
 
WELT: Inwiefern?
 
Lehberger: Die Mehrheit der Eltern ist schlichtweg dagegen. Der Wunsch, seine Kinder auf das Gymnasium zu schicken, ist weit verbreitet. Diese Affinität zum Gymnasium hat kulturhistorische Gründe und reicht weit in die Mittelschicht hinein. Das muss man politisch bedenken. Und wenn die SPD mit der Ankündigung antritt: "Wir schaffen das Gymnasium ab", wird sie dafür keine Mehrheiten bekommen. Ein weiterer Punkt: Würde man die Gemeinschaftsschule gegen den Willen der Eltern einführen, bekämen Privatschulen einen noch größeren Zulauf.
 
WELT: Die CDU plädiert für die Zweigliedrigkeit, in der SPD wird derzeit heftig darum gerungen ...
 
Lehberger: Eigentlich benötigen wir in dieser Frage einen überparteilichen Konsens. Deshalb wäre es gut, wenn sich die Parteivorsitzenden von CDU und SPD zusammensetzen und eine klare Haltung formulieren würden. Bisher haben wir dazu weder von Bürgermeister Ole von Beust noch vom SPD-Parteivorsitzenden Mathias Petersen etwas gehört. Ich erwarte aber in dieser fundamentalen Frage jetzt eine klare Positionierung. Dies ist die wichtigste Reform in der Schulentwicklung seit 1945.
 
WELT: Was würde das Zweisäulenmodell bringen?
 
Lehberger: Die sogenannte zweite Säule würde die bisherigen Haupt-, Real- und Gesamtschulen als neue Schulformen neben dem Gymnasium zusammenführen. In dieser zweiten Säule könnten wir 50 bis 60 Prozent der Schüler beschulen und damit ein wesentlich günstigeres Lernmilieu schaffen als bislang. Die bisherigen Hauptschüler würden hiervon besonders profitieren, und auch für die leistungsstärkeren Schüler ist eine gewisse Heterogenität lernförderlich, wie Studien belegen. Dazu würde die Unübersichtlichkeit unserer bisherigen Schulstruktur mit acht unterschiedlichen Schulformen in der Sekundarstufe I aufgehoben. Sie macht bei sinkenden Schülerzahlen auch bildungsökonomisch wenig Sinn.
 
WELT: Werden in der SPD alte Grabenkämpfe fortgeführt?
 
Lehberger: Manchmal fühle ich mich schon erinnert an die Auseinandersetzungen der 70er-Jahre. Damals gab es aber keine durch Studien fundierte Einblicke in das Leistungsvermögen schulischer Systeme. Das waren Glaubenskämpfe. Heute wissen wir sehr genau, mit welchem Erfolg unsere Schulen arbeiten. Diese Erkenntnisse muss man berücksichtigen.
 
WELT: Was muss bei dem Zweisäulenmodell beachtet werden?
 
Lehberger: Es gibt vier wichtige Punkte. Die zweite Säule muss eine attraktive Alternative zum Gymnasium werden. Diese Schulform sollte nach meiner Auffassung mit der Grundschule beginnen, nach 13 Jahren auf dem direkten Weg zum Abitur führen und eigene Profile entwickeln. Das wird im Übrigen in den Stadtregionen sehr unterschiedlich aussehen. Die Planung dazu schafft die Bildungsbehörde vermutlich nicht mit Bordmitteln. Ich bin besorgt, dass die Behörde bisher keinerlei Vorüberlegungen zu diesem Transformationsprozess anstellt. Wenn aber die politische Entscheidung fällt, muss klar sein, wie die zweite Säule ausgestaltet wird und welche Schulen in welcher Form betroffen sind. Herrscht diese Klarheit nicht, werden viele Eltern ihre Kinder an den Gymnasien anmelden, weil sie da zumindest wissen, wie es läuft. Drittens muss über den Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium entschieden und über die pädagogische Entwicklung des Gymnasiums nachgedacht werden. Und viertens ist zu klären, in welcher Form die Gesamtschulen in der zweiten Säule ihren Platz einnehmen können.
GGG, Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule e.V., Gesamtschulverband
www.gesamtschulverband.de
 
Resolution „Mit der Gesamtschule zur einen Schule für alle Kinder“ einstimmig verabschiedet: Die Mitgliederversammlung 2006 der GGG beschloss am 18.11.06 einstimmig in Braunschweig eine Resolution zur aktuellen bildungspolitischen Situation. Sie geht dabei auf die Leistungen und die Bedeutung der Gesamtschule ein. Sie beschreibt ihre Strategie, um mit der Gesamtschule zur einen Schule für alle Kinder zu kommen:

Mit der Gesamtschule zur einen Schule für alle Kinder!

 
In einer bildungspolitischen Situation, geprägt von vielfachen Versuchen und Maßnahmen der materiellen und moralischen Diskriminierung der Gesamtschule durch mehrere Landesregierungen, sie tragende Parteien und einen Teil der Presse, fortbestehender Verweigerung von Chancengleichheit für alle Kinder im Schulsystem; e